Die neue Angriffswelle auf Microsoft-365-Konten –
was KMU wissen müssen

Wir verraten, wie sich kleine und mittelständische Unternehmen schützen können.

📅  Veröffentlicht am 28.07.2026     

👓  Lesezeit: 7 min.

Strafverfolgungsbehörden wie das FBI sowie Microsoft selbst warnen aktuell eindringlich vor einer massiven, weltweiten Welle hochentwickelter Angriffe auf Microsoft-365-Unternehmenskonten, bei denen die Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) gezielt umgangen wird. In nur zwei Wochen haben Hacker kürzlich über 80 Millionen Login-Versuche gegen Microsoft-365-Umgebungen durchgeführt.

 

Kleine und mittelständische Unternehmen sind von den Angriffen besonders betroffen, weil dort moderne Schutzmechanismen wie Conditional Access, Passkeys oder XDR oft (noch) nicht vollständig umgesetzt sind. Doch was genau heißt das? Wir verraten Ihnen und den Admins Ihres Unternehmens, wie diese Angriffe funktionieren und was Sie tun können.

Wie Hacker die Multi-Faktor-Authentifizierung umgehen

Die Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) gilt nach wie vor als sichere und etablierte Methode, um zu verhindern, dass Hacker allein mit einem gestohlenen Passwort in ein System eindringen können. In den meisten Fällen wird die MFA bei der aktuellen Angriffswelle auf Microsoft-365-Konten selbst nicht kryptographisch geknackt. Stattdessen umgehen Angreifer sie durch folgende moderne Angriffstechniken:

  • Device-Code-Phishing (z. B. via „Kali365“ oder „EvilTokens“)

Hierbei nutzen Angreifer Phishing-Plattformen, um den legitimen OAuth-2.0-Geräteautorisierungsfluss (ein Anmeldeprozess für Geräte ohne Browser oder Tastatur, wie etwa Drucker oder Smart-TVs) auszuhebeln. Dabei erhalten Angriffsopfer täuschend echte Compliance- oder Dokumenten-Mails. Sie werden aufgefordert, die offizielle Microsoft-Seite (microsoft.com/devicelogin) aufzurufen und einen in der Mail genannten Code einzugeben. Da die Webseite echt ist, schöpfen Nutzer oft keinen Verdacht. Sobald der Code eingegeben und die MFA bestätigt wird, genehmigt das Opfer jedoch nicht den eigenen Login, sondern den des Angreifers. Der Hacker erhält ein gültiges OAuth-Token (Zugangsberechtigung), das ihm wochenlangen, persistenten Zugriff auf Outlook, Teams und OneDrive gewährt – ganz ohne das Passwort des Nutzers zu kennen.

 

  • Password-Spraying über veraltete Protokolle (ROPC)

Ein weiterer Angriffsschwerpunkt liegt auf automatisierten Massen-Logins. Diese Methode wurde beim kürzlich erfolgten, bereits erwähnten Angriff mit über 80 Millionen Login-Versuchen angewendet. Die Angreifer nutzen geleakte, valide Passwort-Kombinationen und jagen diese über das ROPC-Protokoll (Resource Owner Password Credentials) – eine nicht mehr zeitgemäße Anmeldemethode, die jedoch in manchen, veralteten Unternehmensanwendungen wie etwa intern entwickelten ERP-Systemen oder CRM-Lösungen noch vorkommen kann. Wenn Unternehmen ihre Richtlinien für bedingten Zugriff (Conditional Access) unvollständig konfiguriert haben, greift die MFA bei diesen nicht-interaktiven Protokollen oft nicht, wodurch Konten sofort offenstehen.

 

  • Adversary-in-the-Middle (AiTM) & Session-Diebstahl

Hierbei schalten Angreifer mit Phishing-Kits wie „Tycoon“ einen Reverse-Proxy zwischen das Opfer und eine gefälschte Microsoft-Anmeldeseite. Der Nutzer erhält einen Phishing Link zu einer täuschen echten Imitation von microsoft.com, gibt sein Passwort ein und absolviert die MFA. Der Proxy fängt das dabei generierte Session-Cookie (Token) ab. Der Angreifer kopiert dieses Cookie in seinen eigenen Browser und ist ohne erneute MFA-Abfrage eingeloggt. Momentan registriert Microsoft rund 40.000 solcher AiTM-Vorfälle täglich.

 

Ein Session-Diebstahl durch Malware kommt sogar ganz ohne AiTM und Phishing aus. Dabei loggt sich der User auf der echten Seite microsoft.com ein, während eine Schadsoftware das Session-Cookie ausliest und an den Angreifer sendet. Zuvor muss natürlich erst die Malware auf den PC des Users gelangt sein, etwa durch Mails mit schädlichen Anhängen, die der User geöffnet hat, oder fragwürdige Browsererweiterungen.

 

  • OAuth-/Consent-Angriffe

Benutzer genehmigen einer scheinbar legitimen Anwendung den Zugriff auf ihre Daten, die in Wirklichkeit eine Hacker-Anwendung ist und z.B. aussieht wie der Adobe PDF Viewer oder ein gefälschtes Teams-Update. Die MFA wird korrekt durchgeführt, schützt aber nicht vor der anschließenden App-Berechtigung. Hacker benötigen weder Passwort, noch MFA oder Session-Cookies für diesen Angriff.

Microsoft macht Passkeys zum Standard

Die Windows-Schöpfer haben kürzlich angekündigt, dass sich die Standard-Authentifizierung in Microsoft Entra ID (ehemals Azure AD) ändert. Ziel ist es, Unternehmen von leicht angreifbaren Verfahren wie SMS und Telefonanrufen auf phishing-resistente Methoden wie Passkeys umzustellen. Ab 1. September 2026 werden Passkeys deshalb zur Standard-Anmeldemethode in Microsoft Entra ID. Benutzer, die sich bisher per SMS oder Telefonanruf für die MFA anmelden, werden automatisch für Passkeys vorbereitet. Bei einer zukünftigen Anmeldung werden diese Benutzer aufgefordert, einen Passkey einzurichten (die Aufforderung kann zunächst noch übersprungen werden).

Wie Sie sich vor solchen Angriffen schützen können

  • Seien Sie misstrauisch, wenn Sie proaktiv per WhatsApp, E-Mail oder Telefon dazu aufgefordert werden, einen Anmeldecode einzugeben. Microsoft, Google oder die IT-Abteilung fordern Benutzer grundsätzlich nicht proaktiv auf, einen Code zu bestätigen. Bestätigen Sie also keine Anmeldeaufforderungen, Push-Benachrichtigungen auf dem Smartphone oder MFA-Anfragen, die unerwartet erscheinen und die Sie nicht selbst ausgelöst haben.
  • Fragen Sie im Zweifel Ihre IT-Abteilung, bevor Sie einen Code eingeben oder eine Anmeldung bestätigen.
  • Prüfen Sie immer die URLs, bevor Sie Ihre Daten eingeben.
  • Seien Sie misstrauisch, wenn eine unbekannte App Zugriff auf Ihre E-Mails, Dateien oder Kontakte verlangt.
  • Klicken Sie nicht unüberlegt auf „Akzeptieren“ oder „Zulassen“.
  • Nutzen Sie – wenn möglich – Passkeys oder Sicherheitsschlüssel anstelle von Passwörtern.
  • Melden Sie verdächtige E-Mails, Webseiten oder Anrufe sofort Ihrer IT-Abteilung.

Tipps für Administratoren

  • Halten Sie Browser, Betriebssysteme und Sicherheitssoftware auf allen Geräten stets aktuell.
  • Aktivieren Sie MFA verpflichtend.
  • Aktivieren Sie Device Authorization Flow nur, wenn er tatsächlich benötigt wird.
  • Fördern Sie FIDO2, Passkeys und Windows Hello for Business.
  • Planen oder Aktivieren Sie vorab die Passkey-Registrierungskampagne, die ab dem 1. September 2026 bei Microsoft verpflichtend wird.
  • Deaktivieren Sie Legacy Authentication und veraltete Anmeldeverfahren vollständig.
  • Setzen Sie Conditional Access konsequent ein, um Anmeldungen nach Gerät, Standort oder Risiko einzuschränken.
  • Verwenden Sie Sign-In Risk und User Risk (Microsoft Entra ID Protection).
  • Schränken Sie OAuth-App-Consent ein und überwachen Sie diesen.
  • Implementieren Sie SIEM-/XDR-Regeln für Device-Code-Anmeldungen und Token-Missbrauch.
  • Lassen Sie Sitzungen regelmäßig neu authentifizieren bzw. begrenzen Sie Session-Lifetime sinnvoll.
  • Stellen Sie sicher, dass riskante oder ungewöhnliche Anmeldungen automatisch erkannt und blockiert werden (z.B. mit Microsoft Entra ID Protection oder Microsoft Defender XDR).
  • Überprüfen Sie Anmelde- und Berechtigungsprotokolle regelmäßig auf ungewöhnliche Aktivitäten.
  • Sollten in Ihrem Unternehmen Anwendungen und Dienste ROPC verwenden, stellen Sie diese auf moderne Anmeldeverfahren (z.B. OAuth 2.0 Authorization Code Flow oder andere von Microsoft empfohlene Verfahren) um. Nutzen Sie ROPC nur dort weiter, wo es technisch zwingend erforderlich ist und schränken Sie den Zugriff auf Anwendungen mit ROPC möglichst ein. Überwachen Sie entsprechende Anwendungen regelmäßig. Neue Anwendungen sollten Sie nicht mehr mit ROPC entwickeln oder einführen.
  • Erlauben Sie Mitarbeitern nur eingeschränkt oder gar nicht, selbst Apps umfangreiche Berechtigungen zu erteilen.
  • Kontrollieren Sie regelmäßig, welche Apps Zugriff auf Unternehmensdaten haben.
  • Entfernen Sie nicht mehr benötigte oder unbekannte Anwendungen.
  • Führen Sie regelmäßige Security Awareness-Schulungen mit Ihren Mitarbeitern durch.

Fazit

Für kleine und mittlere Unternehmen ist das Risiko, Opfer der aktuellen Angriffswelle gegen Microsoft-365-Umgebungen zu werden, realistisch und relevant. Wenn KMU heute Microsoft 365 Business Premium oder höher, Microsoft Authenticator Push-MFA sowie keine oder nur einfache Conditional-Access-Richtlinien nutzen, sind sie besser geschützt als ohne MFA, aber nicht vollständig gegen moderne AiTM- oder Device-Code-Angriffe abgesichert. Die gute Nachricht ist, dass die meisten erfolgreichen Angriffe nicht auf Schwachstellen in Microsoft MFA selbst beruhen, sondern auf Phishing, Sitzungsdiebstahl oder Konfigurationslücken. Wer Business Premium mit sauber konfiguriertem Conditional Access, deaktivierter Legacy Authentication sowie möglichst Passkeys einsetzt, reduziert das Risiko bereits erheblich.

 

Gerade für IT-Dienstleister, die Microsoft-365-Mandanten betreuen, gehört die Absicherung gegen AiTM- und Device-Code-Phishing inzwischen zu den wichtigsten Maßnahmen im Identitätsschutz.

 

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